Monatsinspiration März: Āsana – Mehr als nur eine Haltung
Hast du das auch schon einmal erlebt? Du bist in einer Yogastunde, vielleicht in einer tiefen Hüftöffnung oder einer lang gehaltenen Vorbeuge. Rein körperlich dehnst du gerade „nur“ einen Muskel und die Faszien. Doch plötzlich steigen Tränen auf, eine alte Erinnerung blitzt auf oder ein tiefes Gefühl von Erleichterung durchströmt dich. In diesem Moment wird klar: Das hier ist keine Gymnastik. Das ist etwas viel Tieferes.
Der Körper als Archiv
Warum berühren uns körperliche Haltungen oft so unmittelbar auf emotionaler und mentaler Ebene? Die Yogaphilosophie lehrt uns: Unser Körper ist das Archiv unseres Lebens. Jede Erfahrung, jeder Stressmoment und jede Interaktion – unser sogenanntes Karma – ist tief in unserem Gewebe, unseren Faszien und Zellen gespeichert.
Wenn wir uns im Yoga bewegen, „reinigen“ wir dieses Archiv. Eine Āsana ist deshalb kein bloßer Sport, sondern ein Werkzeug, um energetische Blockaden zu lösen und wieder empfindsam für das Leben zu werden.
Was bedeutet Āsana eigentlich?
Fast jeder Name einer Yoga-Übung endet auf „-āsana“: Bhujangāsana (die Kobra), Vṛkṣāsana (der Baum) oder Vīrabhadrāsana II (Krieger II). Das Wort Āsana stammt aus dem Sanskrit und bedeutet ursprünglich schlichtweg „der Sitz“.
Früher meinte man damit den stabilen Sitz für die Meditation oder das Chanten. Heute nutzen wir den Begriff für die gesamte Vielfalt der Körperhaltungen. Doch der Kern bleibt gleich: Āsana beschreibt deinen „Sitz“ in dieser Welt – also die Qualität deiner Verbindung zur Erde und zu allem, was dich umgibt.
Āsana ist somit die Praxis, unsere Beziehung zur Erde und zu allem, was uns umgibt, zu heilen. Es geht um die Frage: Wie nehmen wir unseren Platz in dieser Welt ein? Ist unsere Verbindung zur Umwelt von Respekt und Dankbarkeit geprägt?
Viele Wege, ein gemeinsames Ziel
Es gibt im Yoga viele verschiedene Pfade, um den Zustand der Einheit (Samādhi) zu erreichen:
- Bhakti Yoga: Der Weg der Hingabe und des Herzens.
- Jñāna Yoga: Der Weg des Wissens und der Selbsterforschung.
- Karma Yoga: Der Weg des selbstlosen Handelns im Alltag.
- Raja Yoga: Der Weg der Geistesruhe und Meditation.
Obwohl diese Wege unterschiedlich gewichtet sind, ist der physische Körper für alle die Basis. Wir sind in diesem Leben inkarniert; unser Körper ist das Gefäß, durch das wir lieben, dienen und erkennen. In unserem Vinyasa- oder Flow-Stil nutzen wir die Bewegung, um dieses Gefäß lebendig und empfindsam zu halten.
Die goldene Formel: Stabilität und Freude
Patanjali definierte in seinen Yoga Sutren (YS 2.46) die Qualität jeder Āsana mit zwei Worten: Sthira und Sukham.
„Sthira Sukham Āsanam“ – Der Sitz sollte stabil und freudvoll sein.
- Sthira (Stabilität): Deine Kraft, Integrität und Resilienz. Die Fähigkeit, fest verwurzelt zu bleiben, auch wenn es im Leben stürmisch wird.
- Sukham (Leichtigkeit/Freude): Die Weichheit und das Wohlbefinden. Ohne Sukham wird Disziplin zu Härte und Verbissenheit.
Was dich diesen Monat in unseren Stunden erwartet
Wir werden das Konzept von Āsana in den kommenden Wochen ganz praktisch auf der Matte erforschen. In unseren Flows nutzen wir die Bewegung nicht nur, um Kraft aufzubauen, sondern um aktiv an unserem „Sitz“ in der Welt zu arbeiten.
Dabei schauen wir uns gemeinsam an, wie wir Stabilität finden, ohne starr zu werden, und wie wir uns durch gezielte Übungen von altem Ballast und gespeichertem Stress im Körper befreien können. Jede Stunde ist eine Einladung, die Verbindung zur Erde neu zu spüren und die Balance zwischen Anstrengung und Leichtigkeit immer wieder neu auszuloten.
Ein Impuls für dich:
Du kannst Āsana jederzeit praktizieren, ganz ohne Yogamatte. Dein „Sitz“ ist deine tägliche Haltung zum Leben.
Probier es heute im Alltag aus: Egal, ob du gerade im Büro am Schreibtisch sitzt, in einer Schlange wartest oder ein wichtiges Gespräch führst – nimm dir einen Moment für einen kurzen Check-In:
- Sthira (Stabilität): Spürst du den Boden unter deinen Füßen? Hast du einen festen Stand oder einen aufrechten Sitz?
- Sukham (Leichtigkeit): Sind deine Schultern entspannt? Fließt dein Atem frei? Kannst du ein inneres Lächeln in die Situation bringen?
Sobald du diese beiden Qualitäten – Festigkeit und Freundlichkeit – verbindest, praktizierst du bereits Yoga.
Lass uns diesen Monat gemeinsam unseren „Sitz“ auf dieser Erde verfeinern – für mehr Mitgefühl, Klarheit und echte Verbindung.
Alles Liebe, Katharina💕
"Du kannst die Welt nicht kontrollieren, aber du kannst lernen, wie du in ihr sitzt. Asana ist die Praxis, deinen Platz auf dieser Erde so einzunehmen, dass er für dich und alle anderen Wesen stabil und freudvoll ist." — Sharon Gannon