Monatsinspiration April: Twists – warum weniger oft mehr ist
Drehhaltungen gehören zu den Asanas, die in fast jeder Yogastunde auftauchen. Man kennt sie, man macht sie mit, manchmal gelingen sie gut, manchmal weniger – und oft stellt man sich gar nicht die Frage, was da eigentlich genau passiert. Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich sie in diesem Monat etwas mehr in den Mittelpunkt stellen möchte. Nicht, weil sie besonders spektakulär sind. Sondern weil sie erstaunlich viel zeigen, wenn man genauer hinschaut.
Was ist überhaupt ein Twist?
Im Kern ist die Bewegung einfach beschrieben:
Der Oberkörper dreht sich, während der Unterkörper stabil bleibt oder bewusst organisiert wird. Diese Gegenbewegung sorgt dafür, dass die Rotation nicht „irgendwo“ entsteht, sondern sich entlang der Wirbelsäule aufbauen kann.
Und genau hier lohnt es sich, etwas genauer zu werden. Denn nicht jeder Abschnitt der Wirbelsäule ist gleich gebaut. Die Rotation findet vor allem in der Brustwirbelsäule statt – also im Bereich zwischen den Schulterblättern und den Rippen. Hier sind die Gelenkflächen so ausgerichtet, dass Drehbewegungen gut möglich sind. Gleichzeitig ist dieser Bereich über die Rippen mit dem Brustkorb verbunden, was Stabilität gibt, aber auch Beweglichkeit erfordert.
Die Bewegung verteilt sich dabei auf viele kleine Abschnitte. Es ist nicht ein großes „Drehen“, sondern viele kleine Rotationen, die zusammen eine Gesamtbewegung ergeben. Der untere Rücken ist anders aufgebaut. Hier ist Rotation deutlich eingeschränkter. Wenn dort zu viel Bewegung entsteht, fühlt sich das oft nicht nur eng an, sondern auch instabil – auch wenn es von außen vielleicht nach „viel“ aussieht. Und genau deshalb geht es im Twist nicht nur darum, in die Position zu kommen, sondern zu verstehen, wo die Bewegung entsteht.
Warum Drehhaltungen so wertvoll sind
Wenn wir uns unseren Alltag anschauen, wird schnell klar, warum Drehungen überhaupt relevant sind. Die meisten Bewegungen gehen nach vorne. Wir sitzen, arbeiten, schauen, denken in eine Richtung. Rotation kommt kaum vor – zumindest nicht bewusst. Drehhaltungen bringen genau diese Qualität zurück. Auf körperlicher Ebene kann sich dadurch einiges verändern:
- die Brustwirbelsäule bleibt beweglich
- der Brustkorb bekommt mehr Raum, was sich direkt auf die Atmung auswirken kann
- die Muskulatur rund um Bauch und Rücken arbeitet koordinierter zusammen
- der untere Rücken wird oft entlastet, weil Bewegung besser verteilt ist
Auch im Bauchraum entsteht durch die Kombination aus Rotation und Atmung ein Wechsel zwischen Spannung und Loslassen. Das wird häufig als „Massage“ beschrieben. Ich finde es hilfreicher, es als Wiederaufnahme von Bewegung zu verstehen – gerade in Bereichen, die im Alltag eher ruhig sind.
Was dabei wichtig ist:
Viele der klassischen Aussagen über „Entgiftung“ sind so nicht haltbar. Die eigentliche Entgiftung übernimmt unser Körper über Leber und andere Systeme. Was Drehhaltungen aber sehr wohl können, ist Bewegung, Atem und Nervensystem zu beeinflussen – und genau darüber entsteht oft dieses Gefühl von Klarheit und innerer Ordnung.
Wie eine Drehung wirklich entsteht
Was sich für mich über die Jahre verändert hat, ist vor allem die Art, wie ich Drehhaltungen aufbaue. Früher stand eher die Form im Vordergrund. Heute mehr die Organisation.
Eine gute Drehung beginnt nicht mit Drehen, sondern mit Vorbereitung. Die Wirbelsäule richtet sich auf, das Becken bekommt Orientierung, der Atem wird ruhig. Erst daraus entsteht die Rotation. Und diese entsteht nicht durch Ziehen, sondern durch ein Zusammenspiel aus Muskulatur, Atem und Aufmerksamkeit. Das sieht von außen oft unspektakulärer aus – fühlt sich aber deutlich klarer an.
Typische Missverständnisse
Gerade bei Drehhaltungen begegnen mir immer wieder ähnliche Muster. Zum Beispiel, dass die Bewegung hauptsächlich über den Arm entsteht oder dass die Aufrichtung verloren geht, um weiter in die Drehung zu kommen. Oft wird auch versucht, möglichst viel Rotation aus dem unteren Rücken zu holen. Das Ergebnis ist dann häufig viel Intensität, aber wenig Qualität.
Was du konkret für deine Praxis mitnehmen kannst
Es braucht gar nicht viel, um Drehhaltungen deutlich zu verändern. Ein paar Dinge machen einen großen Unterschied:
- Nimm dir vor jeder Drehung Zeit für Länge in der Wirbelsäule
- Lass den Atem die Bewegung begleiten, statt ihn zu kontrollieren
- Nutze die Arme eher unterstützend als ziehend
- Achte darauf, dass die Drehung im Bereich des Brustkorbs entsteht
- Geh lieber etwas weniger weit – dafür klarer. Oft wird die Haltung nicht besser, wenn man tiefer geht, sondern wenn man genauer arbeitet.
Und auch außerhalb der Matte
Was ich an Drehhaltungen besonders mag, ist, dass sie sich gut in den Alltag übertragen lassen.
Du kannst beobachten, wie du dich bewegst, wenn du dich drehst – beim Umdrehen, beim Greifen, beim Arbeiten. Passiert die Bewegung nur im Nacken oder in den Schultern? Oder beteiligt sich dein Oberkörper wirklich? Schon kleine, bewusste Rotationen im Sitzen – mit Aufrichtung und ruhigem Atem – können einen Unterschied machen.
Warum dieses Thema gerade jetzt passt
Vielleicht ist es kein Zufall, dass mich dieses Thema gerade beschäftigt.
Wir leben in einer Zeit, in der vieles gleichzeitig möglich ist. Man kann überall ein bisschen sein, sich nicht festlegen, flexibel bleiben. Und gleichzeitig merke ich – bei mir selbst und bei vielen anderen – dass genau dadurch oft etwas fehlt.
Tiefe.
Klarheit.
Verbindung.
Drehhaltungen funktionieren nicht gut, wenn man schnell durchgeht oder einfach „mehr will“. Sie verlangen etwas anderes: Aufmerksamkeit, Zeit und die Bereitschaft, sich wirklich auf eine Bewegung einzulassen.
Vielleicht ist genau das die Einladung für diesen Monat Nicht mehr zu machen, sondern genauer. Nicht weiter zu gehen, sondern besser zu verstehen. Und zu spüren, wie sich eine Bewegung verändert, wenn sie gut aufgebaut ist.
Ich freue mich, euch durch diesen Monat zu begleiten.
Katharina