Monatsinspiration November: Alle reden von Energie. Was spürst du?

Eine Spurensuche zwischen Prana, Quantenphysik und deinem eigenen Herzschlag

„Spür die Energie in deinem Herzen.“ Hast du einen Satz wie diesen schon einmal in einer Yogastunde gehört, vielleicht in der Endentspannung, gesprochen mit ruhiger Stimme und so selbstverständlich, als wüssten alle im Raum genau, was gemeint ist?

Kaum ein Wort begegnet mir in der Yoga-Welt so oft wie das Wort Energie:

  • der Energieausgleich

  • die Energiearbeit

  • Stunden, die energetisch wirken sollen

  • Energiefelder, für die gern die Quantenphysik als Beweis genannt wird

Wenn ich genauer nachfrage, meint fast jede*r etwas anderes damit, und trotzdem klingt das Wort oft so, als wäre seine Bedeutung für alle klar und als stünde dahinter ein Wissen, das keine Frage mehr braucht.

Ich mag Fragen, und deshalb gehe ich diesem Wort hier einmal in Ruhe nach. Vorweg sage ich dir, wo ich am Ende angekommen bin:

Was da ist, reicht. Dein Atem, dein Herzschlag, die Wärme in deinen Händen, all das, was du in deinem Körper spürst, ist echt und wertvoll, und es braucht keine Deutung von außen.

Wie ich dorthin gekommen bin, erzähle ich dir in fünf Schritten.

1. Was die Yogatraditionen mit Energie meinen

In der Physik ist Energie etwas sehr Nüchternes, nämlich die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten, gemessen in Joule. In diesem Sinn steckt unser Körper voller Energie, denn ein Mensch in Ruhe gibt ungefähr so viel Wärme ab wie eine Glühbirne mit 80 bis 100 Watt. Die alten Yogatexte kannten dieses Wort noch gar nicht, sie sprechen von Prana und von Shakti, und beide Begriffe haben eine klare, sehr genaue Bedeutung.

Prana im Haṭha-Yoga

  • Prana heißt im Sanskrit ursprünglich Atem oder Lebenshauch.

  • In der Haṭhapradīpikā aus dem 15. Jahrhundert steht: Bewegt sich der Atem, bewegt sich auch der Geist, und wird der Atem ruhig, wird auch der Geist ruhig.

  • Haltungen, Atemübungen und Bandhas dienen dort dazu, den Atem zu verfeinern, damit der Geist still werden kann.

  • Die fünf Vayus teilen Prana nach seinen Aufgaben ein, eine frühe, genau beobachtete Beschreibung von Einatmen, Ausscheidung, Verdauung, Stimme und Kreislauf.

  • Die Nadis sind feine Bahnen, in denen Prana fließen soll, mit der Suṣumṇā als zentraler Bahn.

Shakti im Tantra

  • Shakti ist die Kraft, durch die sich das göttliche Bewusstsein ausdrückt und die Welt hervorbringt, und der Körper gilt als kleines Abbild des Kosmos.

  • Die Kuṇḍalinī, wörtlich „die Zusammengerollte“, ist eine Form der Göttin, die durch Ritual, Mantra, Atem und genaue Visualisierung nach oben geführt wird.

  • Die Chakren waren Orte für diese inneren Bilder, je nach Text vier, sechs, sieben oder bis zu 49.

  • Die Vorstellung einer Energie, die wie Strom durch den Körper läuft, kam erst im 20. Jahrhundert in den Westen, und die sieben Chakren in Regenbogenfarben wurden erst 1977 so zusammengefügt, wie wir sie heute kennen.

Die Koshas

  • Die fünf Hüllen aus der Taittirīya-Upaniṣad beschreiben den Menschen in Schichten: Körper, Atem, Geist, Unterscheidungsvermögen und Glückseligkeit.

  • Gedacht sind sie als philosophischer Weg nach innen.

Was das für mich bedeutet: Ich verstehe all diese Systeme als Landkarten, die Menschen mit dem Wissen und den Fragen ihrer Zeit gezeichnet haben, um innere Erfahrungen zu ordnen, zu üben und weiterzugeben. Das Gebiet, das sie beschreiben, bleibt dabei immer der eigene lebendige Körper.

2. Energiefelder und Quantenphysik

Sehr oft höre ich, dass jeder Mensch ein Energiefeld habe, dass wir darüber miteinander verbunden seien und dass die Quantenphysik das längst bewiesen habe. Ich bin keine Physikerin und habe großen Respekt vor diesem Fach, und gerade deshalb wollte ich wissen, was Physiker*innen selbst dazu sagen.

Was stimmt: Unser Körper erzeugt messbare Felder.

  • Jeder Herzschlag ist ein kleiner elektrischer Strom, und deshalb umgibt das Herz ein winziges Magnetfeld.

  • Es ist rund eine halbe Million Mal schwächer als das Magnetfeld der Erde und nimmt mit jedem Zentimeter Abstand rasch ab.

  • Gemessen wird es mit hochempfindlichen Geräten, meist in eigens abgeschirmten Räumen.

  • Für eine Hand, die einige Zentimeter über dem Körper schwebt, ist es nach allem, was wir wissen, zu fein, um es wahrzunehmen.

Was die Quantenphysik beschreibt

  • Sie beschreibt das Verhalten der allerkleinsten Bausteine der Welt: Elektronen, Atome, Lichtteilchen.

  • Dort geschehen erstaunliche Dinge, Teilchen können mehrere Zustände zugleich haben oder miteinander verschränkt sein.

  • Diese Effekte sind sehr empfindlich. Im warmen, feuchten Gehirn gehen sie laut Berechnungen des Physikers Max Tegmark viele Milliarden Mal schneller verloren, als eine Nervenzelle feuern kann.

  • Echte Quanteneffekte gibt es in der Natur durchaus, etwa in einem Eiweiß im Auge von Rotkehlchen, das ihnen bei der Orientierung hilft, sie wirken aber auf der Ebene einzelner Moleküle.

Was das für mich bedeutet: Wenn gesagt wird, die Quantenphysik beweise ein Energiefeld zwischen Menschen oder eine Heilung auf Quantenebene, wird ein Fachbegriff geliehen, um einer Idee Gewicht zu geben. Physiker*innen wie Philip Moriarty weisen seit Jahren darauf hin, dass diese Aussagen mit der tatsächlichen Quantenphysik wenig zu tun haben. Das Wort Quanten klingt geheimnisvoll und gelehrt zugleich, und vielleicht ist es gerade deshalb so verführerisch, weil es eine Frage zu beenden scheint, bevor sie gestellt wurde.

3. Was die Forschung herausgefunden hat

Zwei Fragen, mit denen sich Studien gut einordnen lassen

  • Wie viele Menschen wurden untersucht? Eine einzelne kleine Studie ist ein Hinweis, belastbar wird ein Ergebnis erst, wenn viele Studien in einer großen Übersichtsarbeit zusammengefasst werden.

  • Womit wurde verglichen? Eine ruhige Stunde mit Berührung und Zuwendung kann für sich schon viel bewirken. Erst der Vergleich mit einer Schein-Behandlung, die genauso aussieht und sich genauso anfühlt, zeigt, was die Methode selbst beiträgt.

Akupunktur

Sie beruht auf der Vorstellung, dass Qi in Meridianen durch den Körper fließt, und ist von allen Methoden am gründlichsten erforscht. 2018 wurden die Daten von 39 Studien mit mehr als 20.000 Menschen mit chronischen Schmerzen gemeinsam ausgewertet. Echte Akupunktur half deutlich besser als keine Behandlung, gegenüber einer Schein-Akupunktur an anderen Stellen oder nur oberflächlich gestochen war ihr Vorsprung aber klein. Die deutschen GERAC-Studien mit über tausend Menschen mit Rückenschmerzen kamen zu einem sehr ähnlichen Bild.

Reiki und andere Methoden mit einem Energiefeld

Eine Forschungsgruppe hat 2010 insgesamt 66 Studien zu Reiki, Therapeutic Touch und Healing Touch zusammengetragen und Hinweise auf weniger Schmerz und Angst gefunden, die Qualität der Studien aber als mittelmäßig beschrieben. Die Cochrane Collaboration, bekannt für besonders sorgfältige Auswertungen, fand 2015 zu wenige Belege für eine Wirkung von Reiki bei Angst oder Depression. Eine Auswertung von 2024 zeigte weniger Angst nach Reiki, verglich aber meist mit gar keiner Behandlung.

Kann man das Energiefeld eines anderen Menschen spüren?

Direkt geprüft wurde das nur selten. Im bekanntesten Versuch von 1998 sollten 21 Praktizierende hinter einem Sichtschutz sagen, über welcher ihrer Hände eine andere Hand schwebte, und sie lagen in 44 Prozent der Fälle richtig, etwa so oft wie beim Raten. Das ist eine kleine Studie, und eine größere, sorgfältig kontrollierte Untersuchung mit einem anderen Ergebnis ist mir bei meiner Recherche nicht begegnet.

Was das für mich bedeutet: Viele Menschen fühlen sich nach solchen Behandlungen wirklich besser, und diese Wirkung entsteht offenbar vor allem durch Ruhe, Zeit, Berührung, Zuwendung und Vertrauen. Ein eigenes Energiefeld, das sich messen oder von außen erspüren ließe, konnte die Forschung bisher nicht nachweisen. Alle Studien findest du unten verlinkt.

4. Was du fühlst, weißt nur du

Am meisten beschäftigt mich, was in einer Gruppe geschieht, wenn jemand vorne sitzt und sagt, was gerade zu spüren ist. Wir Menschen möchten dazugehören, und wenn gefragt wird, ob alle die Energie im Herzen gespürt haben, fällt ein Nicken oft leichter als ein ehrliches „Ich habe vor allem meinen Atem gespürt“.

Was die Psychologie dazu weiß

  • In den berühmten Versuchen von Solomon Asch in den 1950er-Jahren sollten Menschen die Länge von Linien vergleichen, eine Aufgabe, bei der allein fast niemand einen Fehler machte.

  • Saßen sie in einer Gruppe, die absichtlich falsch antwortete, schlossen sie sich in etwa einem Drittel der Fälle dieser falschen Antwort an.

  • Drei von vier Menschen taten das mindestens einmal.

  • Linien lassen sich nachmessen. Ein Gefühl im eigenen Körper kann niemand nachmessen, und umso leichter passen wir unsere Wahrnehmung der Gruppe an oder zweifeln an ihr.

Was das für mich bedeutet: Wer vorgibt, was andere spüren sollen, bekommt Einfluss auf ihre innere Welt. Wenn dazu ein Begriff kommt, der so groß klingt, dass er keine Nachfrage zulässt, kann dieser Einfluss auch missbraucht werden, und darin liegt für mich eine große Verantwortung für alle, die unterrichten.

Was du in deinem Körper spürst, kannst nur du selbst wissen. Ob es Wärme ist, Weite, ein Ziehen, Unruhe oder auch einmal gar nichts Besonderes, es gehört dir. In meinen Stunden möchte ich genau das stärken: dein eigenes Spüren, in deinen eigenen Worten.

5. Was da ist, reicht

Am Ende dieser Recherche bleibt für mich ein Gedanke, der mich sehr berührt: Das, was sich im eigenen Körper wahrnehmen lässt, ist schon unglaublich viel.

  • der Atem, der kommt und geht

  • der Herzschlag

  • die Wärme in den Händen

  • ein Ziehen in der Dehnung

  • die Schwere des Körpers auf der Matte

All das ist echt, und es braucht keine zusätzliche Deutung, um wertvoll zu sein.

Der somatische Gedanke

  • Den Begriff Somatik prägte in den 1970er-Jahren Thomas Hanna für den Körper, so wie wir selbst ihn von innen erleben.

  • Im somatischen Yoga geht es darum, wahrzunehmen, was gerade da ist, mit Neugier und in eigenen Worten.

  • Die Wissenschaft nennt diese Fähigkeit Interozeption. Menschen, die ihre Körpersignale gut wahrnehmen und freundlich mit ihnen umgehen, können oft auch ihre Gefühle besser erkennen und regulieren.

  • Die oft gehörte Idee, dass Gefühle in den Hüften gespeichert sind, hat keine anatomische Grundlage. Gefühle können in jeder ruhigen, lang gehaltenen Haltung auftauchen, weil Stille dem Inneren Raum gibt.

  • Wer dabei Farben sieht, darf sie sehen, und wer einfach Atem, Wärme und Ruhe spürt, ist damit ganz und gar bei der Praxis.

Was das für mich bedeutet: Das Schöne an der körperlichen Yogapraxis ist für mich, präsent zu bleiben, im eigenen Körper, bei dem, was gerade ist. Was da ist, reicht.

Vielleicht magst du nach deiner nächsten Yogastunde einen Moment länger liegen bleiben und schauen, was du bemerkst, in deinen eigenen Worten.

Deine Katharina

Quellen

Energie in den Yogatraditionen

Energiefelder und Quantenphysik

Studien zu Energiearbeit

Wahrnehmung in der Gruppe

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