Monatsinspiration Oktober - der Monkey Mind und Patanjali

Kennst du die „Geschichte vom Hammer“ des Philosophen, Kommunikationswissenschaftlers und Psychotherapeuten Paul Watzlawick?

"Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt, und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer".

Unsere Gedanken prägen unsere Wahrheit

Diese Geschichte zeigt, wie sehr unsere Gedanken unsere Gefühle, Handlungen und unser Verhalten beeinflussen können.
Wir glauben oft, dass die Dinge so wie wir sie wahrnehmen, die Wahrheit sind – in Wirklichkeit sind sie oft aber unsere subjektive Interpretation der Dinge. Durch unsere Gedanken und die Art, wie wir wahrnehmen, verzerren wir die Realität. Denn unsere Beobachtungen sind sehr stark durch unsere Vorerfahrungen geprägt. Wir generalisieren, wir interpretieren, wir filtern oder blenden aus und haben bestimmte Glaubenssätze, die unsere Beobachtungen prägen. Und oft sind unsere Gedanken auch durch unsere momentane Stimmung geprägt. Wenn wir gestresst sind, neigen wir eher zu Gedanken, die noch mehr schlechte Gefühle in uns auslösen.

Und das hat Auswirkungen auf unser Miteinander. Wie die Geschichte von dem Hammer so schön zeigt: in unserem Kopf kann sich ein wahres Drama aus Gedankenwirbeln zurechtbrauen und die anderen bekommen es dann ab. Durch Vorwürfe, Vorurteile, schlechte Stimmung, Distanz, Gossiping und, und, und. Es ist also nicht ohne und ist ein riesiges Hindernis auf dem Weg zu mehr Verbindung, Nähe und liebevollen Miteinander. Egal ob in der Partnerschaft, mit deinen Kindern, Freund*innen, Kolleg*innen und allen anderen Lebewesen.

Und was hat das jetzt mit Yoga zu tun?

Der indische Weise Patanjali hat das schon vor ca. 2000 Jahren erkannt. Er schreibt in seinem Yoga Sutra (eine der bekanntesten Schriften in der Yogawelt) in Vers 1.2.:

yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ // योगिश्चत्तवृित्तिनरोधः॥२॥ „Yoga ist das zur Ruhe bringen der Gedanken im Geist.“

Die Worte im Einzelnen:

yogaś citta

vrtti nirodhah

steht für Yoga
ist aus dem Sanskrit übersetzt der Geist, der Verstand oder das Bewusstsein
sind Fluktuationen, also unsere Gedanken / Gedankenwellen bedeutet so viel wie Kontrolle, Beherrschung, Zurückhaltung oder Auflösen. Es steht damit für das Nichtvorhandensein bzw. die Abwesenheit der Gedanken.

In diesem Sutra definiert Patanjali also seine Idee von Yoga: Wenn man sich nicht mehr mit seinen Gedanken, mit den Schwankungen des Geistes identifiziert, tritt der Zustand des Yoga ein – die Identifizierung mit dem höheren Selbst, Samadhi, Einheitsgefühl, Freude, Glückseeligkeit, Verbindung...

Patanjali sagt also, wenn wir aufhören, alles zu glauben und uns damit zu identifizieren, was wir denken, meinen, schlussfolgern, fühlen und interpretieren, können wir glücklich und erfüllt leben.

Leichter gesagt als getan, denn „das zur Ruhe bringen der Gedanken“ ist für die meisten von uns eine echte Herausforderung. Ich selbst neige auch dazu, viel zu viel nachzudenken.

Wusstest du, dass wir pro Tag etwa 60.000 Gedanken haben? Ist das nicht unglaublich? Das Absurde ist, dass sich die meisten unserer Gedanken wiederholen oder flüchtig und unbedeutend sind. Dazu kommt, dass viele von uns nur sehr wenige positive Gedanken haben. Deshalb tut uns unser unkontrolliertes Gedankenkarussell oft nicht gut und raubt uns wertvolle Energie.

Der Umgang mit unseren Gedanken ist von zeitloser Bedeutung. Er war offensichtlich schon vor mehreren tausend Jahren ein Thema und ist in unserer schnelllebigen Gesellschaft aktueller denn je. Nicht nur Patanjali beschäftigte sich mit diesem Thema, sondern auch viele aktuelle bedeutende Persönlichkeiten. Einer der wohl bekanntesten spirituellen Lehrer, der sich mit dem Thema auseinandersetzt, ist Eckhart Tolle.

„Dein Verstand ist ein Instrument, ein Werkzeug. Er hat seinen Nutzen bei bestimmten Aufgaben, und wenn die erledigt sind, schaltest du ihn wieder ab. In Wirklichkeit sind achtzig bis neunzig Prozent des Denkens der meisten Menschen nicht nur nutzlos und repetitiv, sondern oft so gestört und negativ, dass sie geradezu schädlich wirken. Beobachte deinen Verstand und du wirst herausfinden, dass das stimmt. Durch ihn wird deine Lebensenergie sinnlos vergeudet.“ Eckhart Tolle

Aber wie kannst du nun deine Gedanken beruhigen?

Stell dir vor die Vrittis (Gedanken) sind eine Horde Affen und jeder will deine volle Aufmerksamkeit. Vielleicht kennst du den sogenannten „Monkey-Mind „nur zu gut. Das Zur-Ruhe-Bringen der Gedanken funktioniert nicht, wenn wir unsere Gedanken unterdrücken oder sie bekämpfen, weil wir sie dadurch nähren.

Je mehr Aufmerksamkeit wir den Bewegungen unseres Geistes (Vrittis) schenken, desto stärker werden sie, desto mehr Kraft geben wir ihnen.

Der Trick ist, unsere Aufmerksamkeit auf das zu richten, was ist. Also im Hier und Jetzt zu sein ohne mit den Gedanken (Vrittis) mitzugehen. Das können wir durch Achtsamkeit und Meditation lernen. Auf diese Weise bekommen die Affen keine Energie mehr und kommen zur Ruhe. Die Gedanken werden nicht aktiv zur Ruhe gebracht, sondern verblassen nach und nach durch unsere gelassene und wohlwollende Akzeptanz ihrer Anwesenheit.

Durch das Beobachten unserer Gedanken können wir uns von ihnen distanzieren und sie langsam zur Ruhe kommen lassen.
Dann erfahren wir den Zustand des Yoga.

Was bedeutet das für dich im Alltag und für deine Yogapraxis?

Der erste Schritt ist das Wahrnehmen. Wenn du merkst, dass du überhaupt nicht bei der Sache bist und deine Gedanken hin und her springen, bist du schon mal einen großen Schritt weiter.

Jetzt kannst du einen Anker benutzen, um deine volle Aufmerksamkeit in den jetzigen Moment zu bringen. Das einfachste und natürlichste Werkzeug dafür ist dein Atem. Atme ein paar Mal bewusst ein und aus. Spüre den Lufthauch an deiner Nasenspitze. Nimm die Bewegung von deinem Brustkorb und deiner Bauchdecke wahr.

„Gefühle und Gedanken kommen und gehen wie Wolken am Himmel, die der Wind vor sich hertreibt. Das achtsame Atmen ist mein Anker im Hier und Jetzt.“ Thich Nhat Hanh

Auch deine Yogamatte ist ein guter Platz, um diese Erfahrung zu kultivieren. Was geht in deinem Kopf vor, wenn dein Körper in einer Asana ist? „Das ist zu anstrengend? Das dauert zu lange? Das ist nichts für mich? Ich kann das nicht machen, wegen meiner hinteren Oberschenkelmuskulatur? Ahh, endlich, das ist MEINE Asana? Endlich eine Asana, die ich machen kann? Warum unterrichtet der Lehrer so

viele Rückbeugen?“ Oder bist du in der Lage, einfach in einer Asana zu bleiben und alle möglichen Gedanken und Gefühle auftauchen zu lassen, ohne sie zu kommentieren und zu beurteilen?

Ich wünsche dir viel Erfolg beim Zur-Ruhe-Bringen deiner Gedanken – zu Hause und in unseren Yogastunden. Und denke daran, am schönsten übt es sich mit Leichtigkeit und Freunde.

💕

Katharina

 

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