Monatsinspiration August – Wieder anfangen: warum du nichts nachholen musst

Vielleicht kennst du diesen Moment: die erste Stunde nach dem Sommer, die erste Vorbeuge – und der Körper fühlt sich anders an als vor sechs Wochen. Ein bisschen eingerostet, ein bisschen fremd. Und irgendwo dazwischen taucht er auf, dieser leise Gedanke: Hätt ich doch mal. Hätt ich doch mal im Urlaub ab und zu die Matte ausgerollt. Niemand sagt das laut, es ist kein Drama – nur dieses feine Ziehen von schlechtem Gewissen, das sich zwischen dich und deine erste Stunde schiebt.

Genau über dieses leise Gefühl möchte ich diesen Monat schreiben. Denn ich kenne es gut, und ich habe es lange selbst gefüttert.

Ich kenne alle Regeln auswendig

Ich habe die Bücher gelesen, alle. Die Ein-Prozent-Regel, die Macht der Gewohnheit, Morning Practice, Miracle Morning. Ich habe Workshops und Coachings über Gewohnheiten gegeben und kann dir jeden Grundsatz auswendig aufsagen: Einmal ausfallen lassen ist okay, zweimal ist gefährlich, dreimal ist der Anfang vom Ende. Verlass dich nie auf Motivation, verlass dich auf Routine. Mach es jeden Tag, ob du Lust hast oder nicht. Und ich will ehrlich sein – das hat mir auch geholfen. Es steckt viel Wahres darin. Manche Phasen meines Lebens haben genau diese Klarheit gebraucht, und es gibt Yogawege, die die tägliche Praxis ins Zentrum stellen und damit Menschen tief tragen. Das respektiere ich. Ich habe selbst jahrelang so geübt.

Aber irgendwann habe ich gemerkt, was nebenbei mitgewachsen ist: ein Druck. Eine leise Buchführung. Ein schlechtes Gewissen an den Tagen, an denen ich nicht auf der Matte war – und das schlechte Gewissen ist, das kann ich nach all den Jahren sagen, der schlechteste Ratgeber, den es gibt. Es bringt dich nicht in die Praxis zurück. Es stellt sich zwischen dich und die Praxis.

Was Patanjali wirklich sagt

Interessanterweise ist die Yogatradition an dieser Stelle klüger, als sie oft zitiert wird. Ja, bei Patanjali steht der berühmte Satz über Abhyasa, die beständige Praxis: Sie wird zu einem festen Grund, wenn sie über lange Zeit gepflegt wird, ohne Unterbrechung und mit Hingabe. Ohne Unterbrechung – nairantarya. Diesen einen Begriff halten uns Disziplin-Prediger gern unter die Nase. Was dabei fast immer unterschlagen wird: Abhyasa steht bei Patanjali nie allein. Im Vers davor bekommt die Praxis eine Schwester, Vairagya, das Loslassen, das Nicht-Anhaften. Beides zusammen erst ist Yoga. Und Nicht-Anhaften meint auch: nicht an der eigenen lückenlosen Serie hängen. Nicht an der Bilanz. Nicht am Bild von sich als jemandem, der niemals aussetzt. Wer seine Praxis-Statistik streichelt, hat das zweite Bein vergessen.

Der Faden, der nicht reißen soll

Und dann ist da die Frage, was eigentlich nicht unterbrochen werden soll. Ich glaube nicht, dass ein Text, der vor zweitausend Jahren für Menschen auf einem inneren Weg geschrieben wurde, eine Anwesenheitsliste meint. Desikachar hat Abhyasa einmal so gefasst: hinter das Oberflächliche schauen, zur Quelle hin – das ist Praxis. Der Faden, der nicht reißen soll, ist die Ausrichtung. Das Wofür. Und genau das ist es, was in vollen Lebensphasen manchmal verloren geht – nicht die Zeit für eine Stunde, sondern die Verbindung zu dem, wofür ich sie mir überhaupt nehme. Wenn das Wofür weg ist, hilft auch die eisernste Routine nichts mehr. Dann wird Praxis zu Pflicht, und Pflicht hält niemand ein Leben lang durch. Auch Tapas, die viel beschworene Disziplin, heißt wörtlich Glut, Hitze, Feuer – und ein Feuer hält man nicht am Brennen, indem man sich bestraft, wenn es kleiner wird. Man hält es am Brennen, indem man sich erinnert, wofür man es entzündet hat.

Kein Bemühen geht verloren

Die Bhagavad Gita sagt dazu einen Satz, den ich jedem Menschen mitgeben möchte, der nach einer Pause zögert: Auf diesem Weg geht kein Bemühen je verloren, und selbst ein wenig dieser Praxis bewahrt vor großer Furcht. Kein Bemühen geht verloren. Deine fünfzehn Jahre, deine drei Monate, deine eine einzige gute Stunde – nichts davon wird dir abgezogen, weil dazwischen Sommer war. Das ist keine moderne Selbstfürsorge-Floskel, das steht im ältesten Herzstück der Tradition selbst.

Mein eigener Umweg

Und weißt du, was mich am Ende wirklich überzeugt hat, mehr als jedes Buch? Mein eigener Weg. Ich bin zwischendurch immer wieder woanders gewesen. Ich habe Phasen gehabt, in denen ich Fitness gemacht habe, anderen Sport, in denen die Matte eingerollt stand. Und ich bin immer wieder zum Yoga zurückgekommen – nicht, weil eine Regel mich zurückgezwungen hat, sondern weil ich jedes Mal wieder gemerkt habe: Das ist es für mich. Gerade weil Yoga kein starres System ist, sondern ein freies. Es gibt so viele Wege, Yoga zu üben. Vielleicht ist es in deiner nächsten Lebensphase nicht die Asana-Praxis, sondern die Meditation, und für die Bewegung gehst du laufen. Auch das ist Yoga. Probier aus, verwirf, komm zurück. Ein System, das dich festhalten muss, ist schwächer als eines, zu dem du freiwillig zurückkehrst.

Die Rückkehr ist die Praxis

Deshalb glaube ich inzwischen: Die Rückkehr ist die eigentliche Praxis. Nicht die Lückenlosigkeit. Jede Meditation macht es uns im Kleinen vor – die Aufmerksamkeit wandert weg, und wir holen sie freundlich zurück, wieder und wieder, und niemand käme auf die Idee, das Abschweifen ein Scheitern zu nennen. Ein Übungsleben über Jahre funktioniert genauso, nur langsamer. Die Pause ist das Abschweifen. Das Wiederkommen ist die Übung. Und wer zehnmal zurückgekommen ist, hat vor der elften Pause keine Angst mehr.

Wenn sich also in deiner ersten Stunde nach dem Sommer wieder dieses „hätt ich doch mal” meldet, dann darfst du es freundlich ziehen lassen wie einen Gedanken in der Meditation. Da ist nichts nachzuholen und nichts gutzumachen. Dein Körper erzählt dir einfach, wo du gerade bist – ein bisschen eingerostet vielleicht, na und. Genau da beginnt jede gute Praxis.

Du bist wieder da. Mehr braucht es nicht.

Herzlich, Katharina

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