Monatsinspiration Juli – Was ist Yoga eigentlich?

Zum Yoga kommt jeder auf seine Weise. Manche, weil sie meditieren möchten, manche, weil sie endlich abschalten wollen. Mich hat zuerst das Körperliche angesprochen, die Asana-Praxis. Ich komme aus dem Sport, hörte immer wieder von diesem Yoga und wurde neugierig. Das ist jetzt fast fünfundzwanzig Jahre her.

Am Anfang ging es mir wirklich nur um den Körper: um Beweglichkeit, um Kraft, um das, was eine Bewegung mit mir macht. Doch je länger ich übte, desto deutlicher spürte ich, dass da noch etwas anderes geschieht – nicht nur im Körper, auch im Kopf. Und irgendwann kam die Frage, die mich seitdem begleitet:

Was ist Yoga eigentlich?

Ich weiß, dass es vielen genauso geht. Man kommt aus ganz unterschiedlichen Gründen auf die Matte – und irgendwann möchte man verstehen, worauf man sich da eigentlich eingelassen hat.

Die ehrliche Antwort: Es kommt darauf an, wen du fragst.

Für manche ist es die Stunde, in der endlich der Kopf aufhört zu rasen. Für andere ist es der Moment, in dem sie merken, dass ihr Körper mehr kann als sie dachten – oder weniger, und dass das auch in Ordnung ist. Für wieder andere ist es einfach die einzige Stunde der Woche, die ihnen gehört.

Yoga ist kein Workout. Es ist auch keine Entspannungsmethode. Es ist beides und noch mehr – und genau das macht es so schwer zu erklären.

Das ist kein Zufall. Den einen Yoga gibt es nämlich gar nicht. Yoga ist ein Sammelbegriff für viele Wege, die in Indien über mehr als 3000 Jahre gewachsen sind. Schon das Wort trägt diese Weite in sich: Es kommt von der Wurzel yuj – „verbinden", „zusammenbinden", dieselbe Wurzel wie im deutschen „Joch". Yoga verbindet wieder, was im Alltag auseinanderläuft: Körper, Atem und Geist, die in der Hektik so oft in verschiedene Richtungen ziehen.

Wenn ich mir anschaue, woher das alles kommt, werde ich ganz ruhig. Die ersten Spuren reichen rund 3500 Jahre zurück. In den ältesten indischen Schriften, den Veden, ist von Sehern die Rede – Menschen, die meditierten und mit dem Atem übten. Das sind die Vorformen dessen, was wir heute auf der Matte tun. Manche Funde lassen vermuten, dass Yoga sogar noch älter ist. So oder so: Über die Jahrhunderte wurde daraus ein ganzer Weg, eine ganze Art, den Menschen zu verstehen.

Später, im großen Epos Mahabharata, findet sich die Bhagavadgita – einer der schönsten Texte überhaupt. Darin spricht Krishna zu einem Menschen, der nicht mehr weiterweiß, und zeigt ihm verschiedene Wege. Denn auch das gehört zur Antwort auf die Frage: Es gibt nicht den einen Weg, sondern mehrere Türen in denselben Raum.

Da ist der Weg des Handelns, Karma-Yoga – Yoga im Tun, im Alltag, in dem, was wir mit Hingabe und ohne Verkrampfung erledigen. Der Weg der Hingabe, Bhakti-Yoga – sich etwas Größerem anvertrauen, mit offenem Herzen. Der Weg der Erkenntnis, Jnana-Yoga – verstehen, hinterfragen, klar sehen. Und der Weg der Meditation, Dhyana-Yoga – still werden und nach innen schauen. Die meisten von uns gehen, ohne es zu merken, auf mehreren dieser Wege gleichzeitig.

Um die Zeitenwende hat ein Weiser namens Patanjali dieses Wissen gesammelt und im Yoga-Sutra aufgeschrieben – einer erstaunlich genauen, zeitlosen Beschreibung davon, wie unser Geist funktioniert. Patanjali versteht Yoga ausdrücklich als einen Weg, den jeder Mensch gehen kann, unabhängig von seinem Glauben. Yoga, sagt er, ist das Zur-Ruhe-Kommen des Geistes. Wenn das ständige Rauschen im Kopf leiser wird, wird klar, was uns wirklich bewegt. Und er beschreibt einen Weg in acht Schritten dorthin – die Körperhaltungen, die wir heute meist „Yoga" nennen, sind nur einer davon.

 

Was ich nach 15 Jahren Unterrichten sagen kann: Yoga ist Aufmerksamkeit. Für den Atem, für den Körper, für den Moment. Nicht weil das spirituell klingt, sondern weil es das Einzige ist, das wirklich funktioniert – wenn du lernst wahrzunehmen, was gerade ist, kannst du damit arbeiten. Im Körper. Im Kopf. Im Alltag.

Und ist Yoga nun eine Religion? Nein. Du musst nichts glauben, und du musst niemandem folgen. Und doch – das ist meine ganz persönliche Erfahrung – kann Yoga tiefer und schöner werden, wenn du dich für etwas Größeres öffnest. Nenn es das Universum, die Natur, das Göttliche, oder lass es ganz ohne Namen. Es ist dieses leise Gefühl, dass da mehr ist als das, was wir sehen und greifen können. Du musst das nicht suchen und nicht erzwingen. Aber wenn es dich in einer stillen Stunde berührt, dann lass es zu. Genau dafür hält Yoga den Raum offen.

Und das Schönste: Du brauchst dafür nichts zu können und nichts mitzubringen. Yoga beginnt genau da, wo du gerade bist. Nicht da, wo du meinst, sein zu müssen.

Und das lässt sich üben. Wie alles andere auch.

Herzlich, Katharina

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